Sie sind hier: Startseite

Angedacht


Liebe Gemeinde,

„Ich bin entsetzt, dass Sie so etwas glauben können!„

Ich war gerade am Ende der Pause auf dem Weg zu meinem Klassenzimmer, als mich einer meiner Zehntklässler auf der Treppe angehalten hatte. Eigentlich, fand er, wirke ich doch ganz vernünftig; aber an so etwas wie die Schöpfung in sechs Tagen oder die Sache mit Adam und Eva zu glauben, fand er entsetzlich und fürchterlich. So gut es in fünf Minuten ging, erklärte ich ihm den historischen Hintergrund der Schöpfungsberichte und erklärte ihm, dass das nicht wörtlich, sondern übertragen zu verstehen ist. Sein Entsetzen wich mit einem „Ach so!„

Eine ähnliche Sichtweise habe ich zu so mancher Bibelstelle – aber bei weitem nicht zu allen. Wenn ich nämlich die Auferstehung Jesu nur noch übertragen verstehe oder sie ganz leugne, fehlt meinem Glauben die Substanz. Das finde ich entsetzlich. Ich bleibe, wenn ich das höre, nicht sitzen, sondern stehe zum einen auf und zum anderen für meinen Glauben ein.

Ganz entsetzt und auf den Beinen sind auch die drei Frauen, die am Ende des Markus-Evangeliums von der Auferstehung erfahren. Bevor ein paar Jahrzehnte später etwas ergänzt wurde, endete das Evangelium mit „Zittern und Entsetzen„ bei den Frauen, die die Auferstehungsbotschaft im leeren Grab hören. Dabei hatte der Engel im Grab zu ihnen eigentlich gesagt: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.„ (Mk 16,6 - Monatsspruch für März)

Sie waren zu entsetzt, um das glauben zu können. Dass Jesus tatsächlich auferstanden ist, schrieb Markus nicht. Er setzte diesen Glauben offenbar bei seinen Leserinnen und Lesern voraus. Auch er sah also darin offenbar sie Substanz des Glaubens. Ich hätte also anders antworten müssen, wenn mich mein Schüler auf die Osterbotschaft angesprochen hätte. Aber scheinbar war das auch für ihn nicht fraglich.
Und so trage ich diese Botschaft unter die Menschen, bin ent-setzt, weil ich dafür auf sie zugehen muss – und ihnen so mit etwas Glück und Gottes Beistand die Hoffnung vermitteln kann, die mich trägt und wegen der ich fast nichts fürchte.

Ihr

Daniel Lischewski, Pfr.