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Liebe Gemeinde,


„Im Gebüsch küssend mit Hans erwischt„, steht in akribischer Sütterlin-Schrift am Ende der Zeile für Eleonora; und natürlich steht am Ende der Zeile für Hans: „Im Gebüsch küssend mit Eleonora erwischt.„ In der Spalte davor steht neben der Note für „Lernen„ die fünf, die beide im „Betragen„ haben.

Alte Kirchenbücher, hier eine (erfundene, aber durchaus denkbare) Bemerkung aus einem Konfirmations-Buch, sind unbarmherzig. Heutzutage gibt es normalerweise zum Glück keine solchen Noten und Bemerkungen mehr, und die Sütterlin-Schrift ist durch Druckschrift ersetzt. Seit ein paar Jahren werden sie sowieso nur noch nebenbei geführt; alle wichtigen Eintragungen werden digital gemacht.

Ahnenforscher und Historiker finden Kirchenbücher interessant; ich finde die mit solchen Eintragungen ein Zeichen für eine Kirche, die von Gottes Liebe nichts begriffen und in die Welt gebracht hat. Denn die Verfehlungen von Menschen haarklein aufzuzählen, widerspricht deutlich dem Anliegen von Jesus.

Allerdings hatte der ja auch ganz andere Menschen um sich: Als er 72 Jünger in Dörfer der Gegend schickt, heilen sie dort und treiben böse Geister aus. Voller Enthusiasmus kommen sie zurück. Jesus jedoch bremst ihre Euphorie: „Darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.„ (Lukas 1020, Monatsspruch für Februar)

Es gibt also wohl eine Art „Kirchenbuch„ bei Gott – allerdings eines, das nicht Verfehlungen und Fehler auflistet, sondern eines, das Grund zur Freude ist. Zu Gott gehören auch die, die nicht alles perfekt machen.

Wir erleben eine Zeit, in der Vorwürfe gegen alle, die anders denken, lautstark und diffamierend geäußert und verbreitet werden. Wie schön, wenn Gott anders mit uns umgeht: Er schreibt uns nicht ab und schreibt uns nichts zu. Das heißt nicht, dass wir uns darauf ausruhen dürfen; in den Dörfern unserer Gegend etwas von Gott und seiner Menschenliebe zu verbreiten, gehört zum Christ-Sein auf alle Fälle dazu. Aber Voraussetzungen für die gnädige und liebevolle Eintragung in „Gottes Kirchenbuch„ gibt es nicht. Gott sei Dank!

Lassen wir uns davon tragen und entsprechend miteinander durch diese schwierigen Zeiten gehen!

Daniel Lischewski, Pfr.