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Angedacht


Liebe Gemeinde,

„Es rächt sich alles irdisch!„

Wenn meine Oma von etwas Ungerechtem hörte oder sich selbst ungerecht behandelt fühlte, rea-gierte sie mit einer fast schon stoischen Gelassenheit: „Es rächt sich alles irdisch!„ Sie kam damit ganz gut zurecht, vor allem wenn man bedenkt, was sie als Kriegsflüchtling und Heimatvertriebene mitgemacht hat.

Eine Gefahr bei dieser Aussage ist natürlich eine gewisse Häme, wenn jemand Ungerechtes dann tatsächlich eine solche „Rache„ zu spüren bekommt. Eine andere Gefahr ist aber, glaube ich, noch größer: Was, wenn Ungerechtigkeit trotzdem nicht auf den Urheber oder die Urheberin zurückfällt, wenn sich manches also doch nicht irdisch rächt? Zumal ich Gott ja nicht vorschreiben kann, dass er gegebenenfalls zumindest nach dem irdischen Leben bestraft, was ich hier als ungerecht ansehe – nicht zuletzt weil ich ja hoffe, dass seine Gnade weitaus größer ist als manche, wenn nicht sogar alle menschliche Schuld?

Wo ich mich ärgere, ist die Sichtweise meiner Oma keine Lösung für mich. Besser gefällt mir da der 3. Johannesbrief, von dessen Anfang der Monatsspruch für Mai stammt: „Ich wünsche dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht.„ (3. Johannes 1,2)

Mit honigsüßen Worten versucht der Autor des Briefs nach diesem Wunsch, seinen Adressaten Gaius zur Aufnahme von Reisenden aus seiner Gemeinde zu bewegen. Ob er Gaius so positiv sieht, wie er schreibt, wage ich zu bezweifeln. Aber wie sollte der jemanden abweisen? Er muss doch den Vorschuss-Lorbeeren, die er mit dem Brief bekommt, gerecht werden und also Gastfreundschaft unter Beweis stellen.

So wird der Brief zu einem geschickten Schachzug gegen Ungerechtigkeit und Unfreundlichkeit. Das hat zwar—wie die Ukraine-Krise zeigt—auch seine Grenzen; aber grundsätzlich finde ich den An-satz wirklich überzeugend: Was, wenn Querdenker nicht über erkrankte Geimpfte lästern und Ge-impfte nicht über schwer Erkrankte Ungeimpfte? Was, wenn sie einander Gutes wünschen und wir alle gemeinsam die Folgen der Pandemie gut bekämpfen? Was, wenn das auch sonst unseren Um-gang miteinander prägt?

Dann, da bin ich überzeugt, ziehen wir alle an einem Strang und dürfen hoffen: „Es wird alles ir-disch und auch ewig belohnt!


Ihr
Daniel Lischewski, Pfr.