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Angedacht


Liebe Gemeinde,

platsch, und da lag er, Paavo Nurmi, der zwischen 1920 und 1928 insgesamt neun Gold- und drei Silbermedaillen in verschiedenen Laufdisziplinen gewann.

Eine Legende erzählt, dass er in Amsterdam 1928 bei einem Vorlauf über 3000 m-Hindernis gleich beim ersten Hindernis stürzte und dann der Länge nach im Wasser lag. Vor ihm lief der Franzose Duquesne. Er hörte das Platschen, drehte sich um und half dem pitschnassen Finnen aus dem Graben. Als die anderen Läufer das sahen, stoppten sie und gingen schließlich gemeinsam mit Nurmi und Duquesne durchs Ziel, so dass kein Sieger des Laufs ermittelt werden konnte.

Ob Duquesne und die anderen Läufer den Hebräerbrief kannten, weiß ich nicht. Aber dem Monatsspruch für Oktober haben sie mit ihrem Lauf ein Gesicht gegeben:

„Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.„ (Hebräer 1024)

Wenn auch nur für einen Moment, so haben die Sportler der Legende nach etwas vom Reich Gottes aufblitzen lassen.

Wie wäre das, wenn in der Zeit nach dem heißen Wahlkampf, nach einem Sommer voller Katastrophen und mit einem Lichtlein am Ende des Pandemie-Tunnels der Spruch ein neues Gesicht bekäme? Wie wäre es, wenn wir verinnerlichen, wozu wir hier aufgerufen werden, den gestürzten und durchnässten aufhelfen und schließlich nach dem Hindernislauf gemeinsam über die Ziellinie gehen – ohne Wettstreit und ohne Übervorteilen von anderen? Dann würde vielleicht für viel mehr als einen Moment etwas vom Reich Gottes schon mitten unter uns sichtbar und erlebbar.

Die Idee hat nur einen Schönheitsfehler. Denn die Legende übertreibt maßlos. Denn außer Duquesne drehte niemand um. Er und Nurmi liefen weiter und holten das Feld wieder ein. Am Ende führte Nurmi, Duquesne war direkt hinter ihm. Kurz vor dem Ziel stoppte Nurmi und wollte Duquesne vorbeilassen. Aber der lächelte und nahm das Angebot nicht an. So liefen sie gemeinsam über die Ziellinie.

Ein Vorbild bleiben diese beiden natürlich trotzdem. Aber der Blitz vom Reich Gottes wird ein ganzes Stück kleiner.

Nur heißt das ja nicht, dass wir nicht doch der Legende nacheifern könnten. Wo das gelingt, blitzt nicht nur etwas vom Reich Gottes auf, sondern kommt zum Leuchten - einem Leuchten, bei dem hoffentlich niemand übertreiben muss, damit eine richtig gute Geschichte daraus wird!

Daniel Lischewski, Pfr.