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Angedacht


Liebe Gemeinde,

ein Mann wird wegen Hinterziehung von 10.000 € Steuern verhaftet und angeklagt. Bei der Urteilsverkündigung erklärt ihm der Richter: „Wir haben uns für eine Haftstrafe, gemessen an der Haft von Uli Hoeneß, entschieden. Haben Sie am Freitagnachmittag zwischen zwei und fünf Zeit?“

Nicht witzig? Nein, in der Tat doppelt nicht witzig. Denn zum einen zeigte der prominente Fall, was sich jetzt bei den Prozessen zu Cum-Ex-Geschäften bestätigt: In Anbetracht der Summen und Strafen, um die es geht, ist Steuerhinterziehung im großen Stil wohl einen Versuch wert. Zum anderen ermahnt uns die Jahreslosung, uns nicht über so etwas lustig zu machen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ (Lukas 636)

Außerdem sind wir ja vielleicht noch gut dran, wenn wir unsere Situation mit der in Belarus, Russland und Myanmar vergleichen: Wer nicht in die Machtphantasien anderer passt, verliert seine bzw. ihre Redefreiheit oder Freiheit an sich oder gar das Leben.

Da als Christ zu schweigen, hat nichts mehr mit Barmherzigkeit zu tun. Vor allem dem Alten Testament ist das wichtig, wie auch der Monatsspruch für Mai zeigt: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!“ (Sprüche 318) Ungerechtigkeit einfach hinzunehmen geht für Gläubige gar nicht. Und doch tun wir es oft: mit unserem Konsumverhalten, mit dem Hinnehmen von „Impfdränglern“ oder mit dem Schweigen zum Verhalten Einzelner. (Beispiele kennen Sie bestimmt selbst genug.)

Christ-Sein ist nicht leicht: Es gilt abzuwägen zwischen dem entsetzten Aufschrei und der Barmherzigkeit, zwischen dem offenen Protest und dem Zuschauen. Deshalb tut es mir gut, auf Gottes Geist vertrauen zu dürfen.

Da, wo wir ihn in uns wirken lassen, werden wir das Maß finden. Darauf vertraue ich. Und dann haben wir ja vielleicht die Chance, dass die Welt nach und nach immer barmherziger und zugleich immer gerechter wird – am Freitagnachmittag zwischen zwei und fünf und sonst auch.

Arbeiten wir daran!

Daniel Lischewski, Pfr.